NOTSITUATION IN DER SOLIDARKÜCHE BOA VISTA, RORAIMA
Genereller Kontext der Solidarküchen von MTST
Die Wohnungslosenbewegung MTST (Movimento dos Trabalhadores Sem-Teto) ist heute eine der größten
Sozialbewegungen Brasiliens. Sie organisiert Arbeitende, die in den Peripherien großer Städte leben, damit
sie ihr verfassungsmäßiges Recht auf angemessenen Wohnraum einfordern und erreichen. 2026 feiert MTST 29 Jahre seines Bestehens und ist inzwischen in 16 Bundesstaaten sowie im Bundesdistrikt vertreten.Seit Beginn ist es gelunge, mehr als 70.000 einkommensschwache Familien zu mobilisieren und auch den Bau von mehr als 15.000 Sozialwohnungen durchzusetzen.
MTST organisiert auch Kurse und Diskussionsgruppen zu vielfältigen Themen (Ernährungssicherheit, Frauenrechte, LGBTQIA+-Rechte usw.) sowie Gespräche über Bürgerrechte und Rechts- und Gesundheitsberatung. Seit langem verbindet MTST so das Thema Wohnen und urbane
Reform mit dem Einsatz für andere Grundrechte wie Gesundheit, Bildung, menschenwürdige Arbeit und insbesondere das Recht auf angemessene Ernährung.
Brasilien, wo die ärmere Hälfte der Bevölkerung nur 2% des nationalen Vermögens besitzt sind Gemeinschaftsküchen zu einem Markenzeichen von MTST geworden. Schon vor der Corona-Pandemie stellten diese Initiativen täglich Hunderte von Mahlzeiten in Grundstücksbesetzungen und Armenvierteln sicher, Was 2020 in der Pandemie als Notaktion begann, die auch von der Brasilien Initiative finanziell unterstützt wurde, nämlich die Verteilung von 220 Tonnen Lebensmitteln und 156.000 Mahlzeiten in nur vier Monaten hat sich in den Folgejahren in Brasilien zu einer der erfolgreichsten Initiativen für kollektive Ernährungssicherung entwickelt. Bis Februar 2026 hat MTST in 15 Bundesstaaten und dem Bundesdistrikt 55
permanente Solidarküchen aufgebaut. Jede von ihnen kann unter normalen Bedingungen täglich zwischen 100 und 300 Mahlzeiten zubereiten.
Die Solidarküchen werden von der jeweiligen lokalen Community selbst errichtet und von ehrenamtlichen Personen (Anwohner*innen, Aktivist*innen usw.) betrieben. Der Großteil der verarbeiteten Lebensmittel kommt aus Spenden, darunter auch agroökologische Lebensmittel aus dem Anbau der Landlosenbewegung MST (Movimento dos Trabalhadores Sem-Terra) und der Kleinbauernbewegung MPA (Movimento dos Pequenos Agricultores). Die Solidarküchen teilen aber nicht nur gesunde und nahrhafte warme Mahlzeiten aus, sondern sind auch lebendige Gemeindezentren, die psychologische Unterstützung, Rechtsberatung, Gesundheitsversorgung, Kinderaktivitäten einschließlich Nachhilfestunden, Kochkurse und politische
Schulungen zu Frauenrechten, Antirassismus, Klimagerechtigkeit und Arbeitsrechten anbieten.
Doch 2024 ereignete sich die größte Klimakatastrophe in der Geschichte Brasiliens: Überschwemmungen trafen Rio Grande do Sul in den Monaten April und Mai. Mehr als 600.000 Menschen mussten ihre Wohnungen vorübergehend verlassen oder verloren sie völlig, die Versorgungsinfrastruktur war zerstört, und einmal mehr wurde deutlich, wie schwarze Menschen und marginalisierte Bevölkerungsgruppen den höchsten Preis für den Klimawandel zahlen. Innerhalb weniger Wochen richtete MTST zwei Not-Solidaritätsküchen in Porto Alegre (Azenha und Povo Sem Medo) ein und steigerte die Produktion von 200 auf fast 2.000 Mahlzeiten pro Tag, die teilweise in Booten in die betroffenen Regionen gebracht wurden.
Zusätzlich wurden Einrichtungen zur Spendenannahme, psychosozialen Unterstützung und Kinderbetreuung geschaffen, die teilweise durch Freiwillige aus ganz Brasilien verstärkt wurden. Neben der Versorgung von Menschen rettete und versorgte MTST auch Dutzende von Tieren, die von den Überschwemmungen betroffen waren, und bekräftigte damit sein Engagement für alle bedrohten Lebewesen.
Unsere Bitte um Unterstützung
Anfang Januar 2026 musste eine weitere unserer Solidarküchen ihre Nothilfemaßnahmen erheblich ausweiten: die Küche in Boa Vista im Amazonien-Bundesstaat Roraima. Dieser im äußersten Norden Brasiliens gelegene Bundesstaat ist einer der ärmsten Brasiliens und weist zudem die höchsten
Ungleichheitsraten des Landes auf: Die Säuglingssterblichkeit ist mit 23,9 pro Tausend immer noch mit Abstand die höchste im Land, und die Krise im Bereich der Mütter- und Kindergesundheit wird durch die prekäre Lage des wichtigsten öffentlichen Kreißsaals verschärft, der seit 2021 provisorisch in Zelten betrieben wird.
Außerdem grenzt Roraima an Venezuela, und die zunehmende humanitäre Krise und Bedrohung des Landes durch die USA hatte schon Ende 2025 zu einem erhöhten Zuzug an venezolanischen Migrant*innen geführt. Als bei der US-Invasion des Landes zur Entführung von Präsident Nicolás Maduro und seiner Gattin, der Kongressabgeordneten Cilia Flores, nicht nur zahlreiche Regierungsangestellte getötet wurden, sondern auch viele andere Menschen durch weitläufige Bombardierungen der Infrastruktur ihr Leben oder ihr Hab und Gut verloren, erreichte dieser Zustrom nach Roraima seinen Höhepunkt, und angesichts der weiterhin unsicheren Lage hält er immer noch an. So ist die Zahl von bedürftigen und obdachlosen Menschen exponentiell gestiegen, und unsere Solidarküche hat neben der direkten Versorgung mit warmen Mahlzeiten diesen Familien auch einen Raum des Zuhörens und der weitergehenden Unterstützung geboten, wobei sie auch deren dringendsten Bedarf ermittelt hat
Dabei ergab sich folgendes Gesamtbild: Seit Beginn der Krise hat unsere Solidarküche täglich 450 warme Mahlzeiten zubereitet und ist mit einem Bedarf konfrontiert, der weit über die reine Nahrungsversorgung hinausgeht. Die Menschen leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit, unzureichendem Wohnraum, fehlenden Hygieneartikeln und sind sozialen und gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. 145 neu zugezogenen
Familien haben dringenden Bedarf an Unterkunft angegeben. Angesichts der Ernsthaftigkeit der Lage und nach einem qualifizierten Gespräch mit den Familien sowie einer Analyse durch Teams von Menschenrechtsaktivisten hat die Solidarküche folgende Sofortmaßnahmen als dringend notwendig
eingestuft:
Beschaffung von Hängematten, Matratzen und Decken;
Beschaffung von Kleidung für Erwachsene und vor allem Kinder;
Beschaffung von Basismedikamenten;
Aufbau eines Netzwerks von Freiwilligen für Notfalleinsätze;
Logistische Unterstützung für Transport und Verteilung;
Grundlegende Renovierung des Küchenbereichs zur Anpassung an die Zahl der zu versorgenden Personen
Wir bitten die Brasilieninitiative Freiburg uns bei diesen Maßnahmen im Rahmen ihrer Möglichkeiten finanziell zu unterstützen und danken schon Voraus für jede mögliche Hilfe.
Im Namen von MTST und seinen Solidarküchen, für den Sektor Finanzmittel und Projekte:
Renata Boulos und Monika Ottermann
Spenden bitte auf das Konto: Brasilieninitiative Freiburg e.V.
IBAN:DE88 6809 0000 0025 0548 06
Stichwort: Solidarküche
Spendenbescheinigungen werden zugesandt-bis 300.-€ genügt der Einzahlungsbeleg für das Finanzamt.



