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Die dunkle Vergangenheit: Der Fall Volkswagen

Text: Ricardo Rezende Figueira, Rio de Janeiro
 Übersetzung: Günther Schulz

 

29. Mai 2025. Mit fast 60 Jahren kommt Pedro Valdo nach Redenção, im Bundesstaat Pará, einem der Bundesstaaten des brasilianischen Amazonasgebiets. Dort stellt ihm die Reporterin Natália Suzuki von der NGO Repórter Brasil, die gemeinsam mit den Fotografen Fernando Martinho an der Verhandlung teilnahm, folgende Frage: „Wenn Sie einen Direktor von Volkswagen treffen würden, was würden Sie ihm gerne sagen?“
Sicherlich erinnert sich Pedro an die Ereignisse, die ihm und seinen Freunden Anfang 1983 widerfahren waren – die Morddrohungen, sollten sie versuchen, von der Farm zu fliehen, die Informationen über bereits begangene Gewalttaten und Morde an Arbeitern. Er erinnert sich an den Mann, der mit Malaria in einer Hängematte liegend starb, ohne Hilfe zu bekommen, die menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen, die Erschöpfung durch die schwere Arbeit beim Abholzen des Urwalds. Am nächsten Tag, dem 30. Mai 2025, mehr als vier Jahrzehnte nach seiner Erfahrung der Schuldknechtschaft, würde Pedro gegen das Unternehmen aussagen. Auf die Frage der Journalistin antwortete Pedro langsam, überlegend:
"Ich würde den Direktor fragen, ob er verheiratet ist und Kinder hat. Wenn ja, ob er seinen Sohn mit 17 Jahren das Gleiche erleiden lassen würde, was ich erlitten habe? Ob er das vergossene Blut und das Leid, das auf der Farm von Volkswagen geschehen ist, nicht bereut.“
Pedro war 17 Jahre alt, als er auf die VW-Fazenda Vale do Rio Cristalino gebracht wurde. Mit ihm verließen sechs weitere junge Männer aus Canabrava in Mato Grosso ihre Gemeinde. Pedro war nicht der einzige in diesem Alter, es gab auch noch jüngere Jungen in anderen Gruppen. Sie legten rund 400 Kilometer auf einer schlechten, unbefestigten Straße zurück, von Mato Grosso bis zum Eingang der Farm. Diese liegt heute im Munizip Santana do Araguaia im Bundesstaat Pará und von dort aus fuhren sie weitere 80 Kilometer innerhalb der 149.000 Hektar großen Farm.
Batista, einer der „Anwerber“, versprach eine gute Arbeit auf der Volkswagenfarm. Das klang wie ein Traum. Es wartete die längste Reise auf sie, die die jungen Männer je unternommen hatten. Und sie sollten nicht für irgendjemanden arbeiten, sondern für ein sehr wichtiges Unternehmen. Als sie ankamen, sahen sie am Tor das Logo von Volkswagen und überall war das Kennzeichen der deutschen Autofirma gegenwärtig, auch in der Fernsehwerbung, auf den eleganten Werbedrucksachen auf couché-Papier und später, wie sie erfahren sollten, auf den „Freilassungsbriefen“, die die Auftraggeber den „Gatos“ (Anm.: wörtlich Katzen, sind als „Subunternehmer“ tätig) schickten, wenn sie aus irgendeinem Grund einem Arbeiter die Erlaubnis gaben, zu gehen. Oben auf dem Brief stand die Bezeichnung des Ortes, nicht des Munizips noch der Name der Fazenda. Es stand einfach „Volks“, wie es auch der Aufpasser Luiz Felipe, Felipão, in einem Brief an die „Subunternehmer“ Abílio und Adão Modesto tat.
Was machte Volkswagen im Amazonas-Regenwald? Statt Autos zu produzieren, produzierte man in Pará fette Rinder. VW würde „Fortschritt“ und „Entwicklung“ in die Region bringen.  Die Zivilisation kam in Form der Traktoren, die den Wald rodeten und beim Straßenbau tätig waren – sie kämpfte gegen die Rückständigkeit, die „grüne Hölle“, die der dichte, von Menschen unberührte Urwald darstellte. Fortschritt bedeutete, den Wald zu roden und die Bäume am Boden in Brand zu setzen.  Auf dem „gesäuberten“ Gelände legte man Weideland an, auf dem das Vieh gemästet werden sollte. Und in Campo Alegre sollte zusammen mit anderen landwirtschaftlichen Betrieben der Fleischverarbeitungsbetrieb Atlas entstehen. Hier war beabsichtigt täglich 1.200 Rinder zu schlachten.  Es wäre damit der größte Schlachtbetrieb Brasiliens, der zweitgrößte Lateinamerikas und der viertgrößte der Welt gewesen. Man dachte, dass die Politik der Rinderzucht die Zivilisation in diesen Teil Brasiliens bringen würde. Später stellte sich jedoch heraus, dass es nicht genügend billige Elektrizität gab, um diese Vorstellung zu realisieren.
Pedro, der gerade die Pubertät hinter sich gelassen hatte, spielte gerne Fußball und nahm seine Fußballschuhe auf die Farm mit, da er erfahren hatte, dass es dort einen Platz zum Trainieren und Spielen gab. Er stellte sich vor, unter der Woche zu arbeiten, Geld zu verdienen und am Wochenende Fußball zu spielen. Als er den Platz sah, strahlten seine Augen vor Freude. Aber er sollte feststellen, dass er keine Zeit für Erholung oder Fußball hatte.
Jetzt hatte VW in Redenção vor einem Arbeitsrichter zu erscheinen, um sich wegen einer Zivilklage der Arbeitsstaatsanwaltschaft zu verantworten. Bereits 2024 hatte eine Anhörung stattgefunden, es gelang dem Richter jedoch nicht, eine Einigung zwischen den Parteien zu erzielen. VW lehnte ab und verließ den Verhandlungstisch. Die Folge war die Ansetzung eines gerichtlichen Verfahrens am 30. Mai 2025. Hierzu waren auch Zeugen aus der damaligen Zeit geladen. Das Unternehmen brachte einen Journalisten mit, der für die Dokumentation der 72-jährigen Unternehmensgeschichte in Brasilien verantwortlich war; die Arbeitsstaatsanwaltschaft (MPT) brachte vier Landarbeiter mit, zwei aus Mato Grosso und zwei aus Tocantins, Überlebende der Sklavenarbeit; online präsentierte sie außerdem einen ehemaligen Abgeordneten des Bundesstaates São Paulo und einen ehemaligen Koordinator der Landarbeiterpastoral CPT, der zwischen 1977 und 1996 in Conceição do Araguaia gelebt hatte. Beide waren 1983 auf das angezeigte Grundstück gegangen und hatten das Verbrechen dokumentiert.
Das Unternehmen versuchte nicht einmal, die Beweise für eine Schuldknechtschaft auf der Farm anzufechten. Im Laufe der Jahre variierten die Rechtfertigungen des Unternehmens. Zunächst leugnete es die Existenz des Verbrechens, dann behauptete es, dass, wenn es das Verbrechen gegeben habe, die Verantwortung bei den Subunternehmen liege, und zuletzt, dass es nur 10 % der Anteile an der Farm besitze.
Die Argumente sind schwach. Was den ersten Punkt betrifft, dass sie nichts davon wussten, so wurde die Straftat 1983 offiziell angezeigt und auf der Farm von Führungskräften des Unternehmens und Zeugen – Abgeordneten des Bundesstaates São Paulo, Gewerkschaftern und einem Mitglied der Landarbeiterpastoral – festgestellt. Das Mutterhaus von VW in Deutschland wurde von der Brasilieninitiative Freiburg e.V. ebenfalls darauf hingewiesen. Die Beweise waren stichhaltig.
Was das zweite Argument betrifft, so wollte sich VW der Verantwortung entziehen, indem man darauf verwies, nur 10 % der Anteile an der Rinderzuchtfarm Vale do Rio Cristalino zu besitzen. Wenn das Unternehmen keine Verantwortung hatte, warum schickte es dann 1983 zwei Flugzeuge zur Farm, eines mit Direktoren besetzt und das andere mit drei Abgeordneten des Bundesstaates São Paulo, Gewerkschaftern und der Presse? Wenn es keine Verantwortung hatte, warum bemühte sich die Geschäftsleitung in Wolfsburg dann, auf die Anfragen der Brasilieninitiative Freiburg e.V. zu antworten?
Schon damals stellte eine polizeiliche Untersuchung unter der Leitung des Polizeichefs von Conceição do Araguaia die Verantwortung von VW fest. Der Staatssekretär für öffentliche Sicherheit des Bundesstaates Pará hielt handschriftlich fest, dass auf der Farm Sklavenarbeit stattfand, und dass VW dafür verantwortlich sei. Die Anwälte der CPT reichten im Namen von vier der befreiten Arbeiter, die in Mato Grosso lebten, eine Klage wegen Arbeitsrechtsverletzung ein. Es erfolgte eine Verurteilung, die Zahlung zog sich über 14 Jahre (von 1984 bis 1998) hin.
Die Frage, die sich jetzt stellt, war, ob VW eine Verjährung der begangenen Verbrechen geltend machen kann. Das Gesetz sieht vor, dass Arbeitsrechte innerhalb von zwei Jahren nach der Entlassung geltend gemacht werden können, allerdings ist nach den vorliegenden Beweisen der Tatbestand sklavenähnlicher Arbeit gegeben und dies ist ein Verbrechen, das nicht verjährt, da eine Verletzung der Menschenrechte vorliegt.
Die Verhandlung am 30. Mai 2025 leitete der Arbeitsrichter Otávio Ferreira. Volkswagen war mit einem Anwalt und drei Anwältinnen vertreten. Die Staatsanwaltschaft war mit vier Anwälten vertreten, zwei Männer und zwei Frauen. Die Anwälte von Volkswagen versuchten, die Aussagen der Staatsanwaltschaft zu beschränken, teilweise mit Erfolg. Vorgesehen waren die Aussagen von Expedito Soares, vier Landarbeitern und einem Professor der Bundesuniversität von Rio de Janeiro. Einer der Landarbeiter sagte nicht aus, und sowohl der ehemalige Abgeordnete als auch der Professor wurden als Informanten und nicht als Zeugen angehört. Die Anhörung endete damit, dass der Richter der Verteidigung und der Anklage 15 Werktage Zeit gab, um Stellung zu beziehen und für sich selbst setzte er danach eine Frist von 30 Werktagen an, um sich ein Urteil zu bilden.
Pedro Valdo spielt zwar nicht mehr Fußball, trainiert aber Spieler. Nicht nur Tarcisio Motta, Bundesabgeordneten von der Partei Sozialismus und Freiheit (PSOL), der als Beobachter an der Anhörung teilnahm und einen heranwachsenden Sohn hat, war von Pedros Geschichte - der mit 17 Jahren das Spielfeld sah, spielen wollte und es nicht konnte – bewegt. Auch der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses der Bundesabgeordnetenkammer, Reimon Santa Bárbara von der Arbeiterpartei (PT) und die weiteren Anwesenden zeigten sich von Pedros Aussage berührt. 

VW beging nicht nur Umweltverbrechen – großflächige und fortgesetzte Abholzung unberührter Natur und Entnahme von Holz aus indigenem Land –, sondern verletzte in Santana do Araguaia auch Menschenrechte und profitierte von Steuererleichterungen in seinen zweifelhaften Beziehungen zur damaligen Diktatur. Die VW-Farm wurde auf 149.000 Hektar Land errichtet, das von der Familie Lunardelli erworben wurde, die eine Million Hektar in der Gemeinde besaß. Der Anwalt der CPT, José Batista wies darauf hin, dass die nationale Gesetzgebung die Übertragung von öffentlichem Land an Privatpersonen von mehr als 10.000 Hektar nicht zuließ und die Familie Lunardelli das Land wahrscheinlich auf fragwürdige Weise erworben habe.  VW hat somit ein Grundstück erworben, dessen Herkunft ungeklärt war.
Die vier Arbeiter – Pedro Valdo und José Ribamar aus Mato Grosso und die Brüder Raul Batista und Raimundo Batista aus Tocantins – warten auf den Ausgang dieses Verfahrens. Sie und die brasilianische Nation haben Anspruch auf Wiedergutmachung. Die Staatsanwaltschaft fordert nun 165 Millionen Reais, umgerechnet ca. 25 Millionen Euro. Dieser Betrag ist niedriger als das, was VW von der brasilianischen Regierung für die Errichtung der Rinderzuchtfarm Vale do Rio Cristalino erhalten hat. Mit staatlichen Mitteln finanziert, wurden Menschen wie Sklaven behandelt. Und ihre Verbrechen gingen auch in den Jahren 1984, 1985 und 1986 mit denselben Subunternehmen und Schlägern weiter und dies, obwohl in Gesprächen auf der Farm vereinbart worden war, dass diese entlassen werden sollten.
Es ist eine Schande, dass VW, das enge Beziehungen zur Diktatur unterhielt und in Verbrechen verwickelt war, die nach nationalem Recht, dem Europäischen Menschenrechtssystem und dem Interamerikanischen Menschenrechtssystem als schwerwiegend gelten, nicht bereit war, sich seiner historischen Verantwortung früher zu stellen und es auf diesen Prozess ankommen ließ.
Es ist jetzt zu hoffen, dass das begangene Unrecht endlich – nach Jahrzehnten – gesühnt wird und den Opfern Gerechtigkeit widerfahren wird.

 


Ricardo Rezende, Priester und Professor an der Bundesuniversität von Rio de Janeiro, Koordinator der Forschungsgruppe „Zeitgenössische Sklavenarbeit“.


aus: BrasilienNachrichten 171/2025